Prosa im freien Fall: „alles inklusive“

28. Januar 2012

Lesen.

Die letzten, kreisenden, rasenden Gedanken eines fallenden Aufsteigers. Dieser Text entstand als Beitrag zum FM4 Wortlaut-Wettbewerb zu meiner Studienzeit in Hagenberg.

alles inklusive, dachte er, während die stockwerke im freien fall an ihm vorbeizogen. eigentlich waren es nicht wirklich gedanken – eher blitze, die sich explosionsartig an den spitzen seiner synapsen entluden, während im inneren des gebäudes fünfzigjährige angestellte ihre büropflanzen gossen. irgendwie schien es alles zusammenzupassen: der ungewöhnlich starke kaffee, der lift, der zum ersten mal schluckend auf ihn gewartet hatte, das loch in der Wand seiner realität, das ihn gierig aus dem alltag saugte.

er sah, wie sich die haare auf seinen händen sträubten, als letzter teil seines körpers zum widerstand gewillt. im bodensatz seiner augenspiegelte sich ein finales fragment des erfolgs. der einstmals stolze vogel entpuppte sich im zerrspiegel seiner pupillen als küken mitgebrochenem flügel.

wer hatte mehr versprochen? je näher er die glimmenden zigarettenstummel und knirschenden kieselsteine zwischen den fugenkommen fühlte, desto unsicherer wurde er. so wie verzicht für ihn nach abstrakter theorie klang – unnahbar, unverständlich, fremd – hatte niemand durch ihn glücklich werden können. das leben hatte ihm erfolg und ruhm versprochen, rezeptfrei. er verordnete sich steilen anstieg, andessen ansprüchen er zerbrach.

er war sich bewusst, dass ein teil von ihm in das fundament der hinterlassenen realität sickern würde, und genoss die letzte reise in die verbrannte erde. er war fast stolz, die welt für einen kurzen moment nicht durch die augen hollywoods zu sehen. für diese wenigen sekundenführte er die regie, hatte sein leben zurückerobert.

niemand konnte ihm den geschmack nachfühlen, den süße werbeversprechen auf seiner zunge hinterlassen hatten, jenen schalen ausklang cremiger sujets. plötzlich sah er den gedanken, der in den dingen wohnte – brauchte nur ein wort, um das größte unrecht und die schönste utopie auszudrücken. doch die ohren der welt waren nicht mehr auf seine lippen gerichtet.

es waren katalogfotos einer besseren welt, die ihm den boden unter den füßen weggezogen hatten; er tastete nach wahrheit und fand den wahnsinn. er ging immer aufs ganze und bekam als gewinn, stets auf’s neue, stück für stück, das puzzle seines untergangs. da er zwar alles sah, aber niemals zu sehen gelernt hatte, erkannte er das bild erst, als er selbst dessen letztes teil geworden war.

welche köpfe würden als erstes über ihm auftauchen? er drehte am rad, seine gedanken gediehen und erwarteten den treffer. doch die gesichter, zwischen denen er zu wählen beabsichtigte, waren austauschbar und leer. es war ihm stets kitschig erschienen, das zu meinen, was man sagte. doch mit jedem stück, das er sich an unverbindlichkeit bitter erkämpft hatte, erlosch eine chance auf entkommen. mit jedem wort seiner gefeierten reden sprach er weniger zu anderen. er hatte sich so oft im all-inclusive-paket verkauft, dass nichts mehr von ihm übrig war.

doch diesmal hatte er sich verstiegen. der sprung aus dem fenster war mehr als der versuch, sämtliche stiegen mit einem schritt zunehmen. die sonne schien gar nicht mehr, als er seine flüchtigen flügel auszubreiten versuchte. stattdessen umgarnte ihn die nacht, die er zum ersten mal nicht sah, sondern erlebte.

von nun an wechselte die perspektive – er hinterließ jenen eindruck, der ihm im leben nicht gelungen War. wie ein astronaut War er über den mondstaub geschritten, doch anstatt ewiger spuren hinterließ er ratlosigkeit. warum das alles? wo war das kleingedruckte, das er mit dem anbot gekauft und als fessel an händen und heinen im fall entdeckt hatte?

seine vergangenheit hatte den vorteil, erst nach seinem ende geschrieben zu werden. das leben konnte ihn so niemals überraschen. sein versuch jedoch, umgekehrt das leben zu überraschen, schlug mit dem dumpfen zusammensacken seines körpers fehl – das leben nimmt keine wetten entgegen, es streicht die gewinne ein.

was zu seiner psyche zu sagen war, überließ man den ärzten. die berufliche laufbahn den kollegen. den körper der erde. letztendlich war niemand zuständig, er hatte es verabsäumt, eine abteilung im aktenschrank der welt für sich einzurichten. die unsortierten blätter tanzten im wind und fanden ihre innere ordnung.

doch ist der begriff system in einem chaos, das sich in seiner dynamik der kategorie schublade verschließt, nicht ohnehin zu weit gegriffen? war es nicht genug, dass er durch sein vorbeifallen als gesprächsstoff für die kaffeepulver schnüffelnden kenner der kommerzkorridore gesorgt hatte? sein beitrag zum globalen wertesystem vergaß auch im nachruf nicht auf die drei säulen der umfassendenunterhaltung:

das obligatorische davor, in dem die tragödie angelegt war und sich im griechischen salat widerspiegelte. das gefallen am gefälle seines falls, für den er zeit seines lebens präventiv erklärungen gesammelt hatte, in der drohenden hoffnung, dass eines tages jemand danach die sinnfrage exponiere. und schließlich: der metaphysische zustand, den er, als gerücht und riechsalz erlebnisloser überlebender, posthum annehmen würde.

‚you are the jackpot of my life‘ tönte als hymne in der unendlichen spirale seines ohrs, die zu lebzeiten als reizverstärker alles gehörten fungierte und für die prasselnden einflüsse als mischmaschine des ihn formenden charakterzements zu höheren ehren gelangt war. viele, die ihn gekannt hatten, besser gesagt, kennen hätten können, fragten sich, ob er auch nur einen ton dieses liedes zu summen vermocht hätte, ohne dass die lüge zum wendepunkt seiner abgeleiteten lebenskurve geworden wäre.

das war jemandem, der kontinuität im einklang des diktats persönlicher prinzipien mit ck schrieb, wobei das vorangestellte hohe c in den triumphgesang des ewiggleichen einstimmen wollte, natürlich schwer zu vermitteln. ein ganzes leben, in vollen zügen auf dem schachbrett angelegt, gehorchte dem wechselrhythmus von weiß auf schwarz. so hinderte ihn entweder gleißendes licht daran, sich selbst imkontext zu erkennen, oder sein leben Wurde zur nach innen gewandten höhle, in der jeder schritt gleich welcher direktion stets zurück in die entfernung führte. er stellte sich selbst ein bein, denn das einzige, was er fühlte, waren die eigenen füße, auf die er auf dem langen weg ins nichts trat. als er seine fahrkarte vorzeigen musste, genügte ein griff, um seine legitimität unter beweis zu stellen.

irgendwann flossen an ihm jene ströme hinab, die gefährliche furchen in die schutzcreme seines daseins gruben. in jenen kluften sammelte sich die saat der nahenden zäsur. zum ersten mal pfiff der wind der veränderung über die einst aalglatten weiten seines unversehrten selbstbewusstseins und bewirkte verwehungen der schwerpunkte, die sich zu problemzonen aufmassierten. so unüberwindlich war die wirkung für außenstehende, dass niemand der unsichtbarkeit für den betroffenen auf den grund zu gehen gedachte. ein jeder ritzte in unbemerkten sekunden den eigenen namen in das brett vor seinem kopf – schließlich wusste man nie, wo er liegenbleiben würde.

tatsächlich war nach seinem ende nur ein name auf jenem brett zu lesen, das für ihn das ende der welt bedeutete. es war sein eigener, und das harz der geschichte sorgte dafür, dass der schaden im furnier des scheins die glänzende oberfläche nicht lange trübte.

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