Lessons from Bali (3): Wo genug nicht zu wenig ist

29. Juli 2012

Leben.

In Asien wie Europa wird gearbeitet, gelebt und geliebt – same but different. Im dritten Teil beschäftige ich mich mit einem Eindruck, der mich in Österreich schon länger jagt: die Gier nach mehr. Ich möchte etwas von der wohligen Wärme weitergeben, die auf einer Insel entsteht, auf der genug noch genug ist.

Das permanente Wachstum, nachdem unser Wirtschafts- und Finanzsystem aufgebaut ist, hat tiefe Furchen in unserer Gesellschaft hinterlassen. Wie tief, das merkt man erst, wenn man von einem Ort zurückkehrt, an dem es anders ist. In meinem Leben ist mir das bisher zweimal gelungen: Nach Kuba und Bali. Alle anderen der durchaus zahlreichen Orte waren – in unterschiedlichsten Ausprägungen und Stadien – Teile unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft.

Wer etwas genauer schaut, merkt schnell, dass genug bei uns eben nicht mehr genug ist. Was immer man erreicht, es ist nur der Zwischenschritt auf dem Weg zu noch mehr. Von den Investoren bis zur eigenen Familie: Alle erwarten immer mehr. Gleichzeitig geht es aber allen immer schlechter – zumindest, wenn man das nicht enden wollende Gejammere ernst nimmt, das einem rasch die Ohren verstopft.

Auch mit einem sehr hohen Maß an Empathie und einem geschulten Auge für echte Härtefälle kann ich viele der mir geschilderten Herausforderungen hier nur als Luxusprobleme einstufen, hervorgerufen am fehlenden internationalen Vergleich oder völlig falsche Erwartungen einer „Generation Wachstum“, die nichts anderes kennt als ständige Zuwächse ohne viel eigenes Zutun.

Doch wofür werden all die schönen Konsumgüter gesammelt, Euro nach Euro auf Konten und Sparbücher geschichtet? Das können die Wenigsten wirklich schlüssig beantworten, am ehesten noch, um „Sicherheit“ und „Vorsorge“ zu erreichen, denn die Zeiten sind schwierig und die Aussichten bedrückend. Ich finde, das hängt von der Perspektive ab.

Dem hinduistisch geprägten Bali etwa ging es nach den radikal-islamistischen Terroranschlägen 2002 und 2005 so richtig dreckig. Der einzige echte Devisenbringer Indonesiens litt unter ausbleibenden Touristenströmen. Das Wachstum war seither langsam und verhalten – und dennoch wird es nicht auf biegen und brechen erzwungen. Man kommt damit aus, was man hat.

Wie viele Geschäfte gibt es hier noch, in denen die Mitarbeiter sich schlafen legen, wenn das Monatsziel erreicht ist? Wo ein Fahrer lieber und ohne mit der Wimper zu zucken eine dörfliche Zeremonie feiert als die vereinbarte Rundfahrt nicht auf morgen zu verschieben? Wo der Surflehrer mit innerer Ruhe und Gelassenheit jährlich seinen Schülern beim eröffnen ihrer eigenen Surfschulen 20 Meter weiter zusieht und Ihnen Erfolg wünscht?

Man muss es nicht so weit treiben, und nicht alles daran ist gut. Ein bisschen mehr Zufriedenheit auf selbst geschaffene, gemeinsam erreichte und – zu unserem großen Glück – bereits existierende Werte wäre aber nicht verkehrt. Und vielleicht eine ganz persönliche, innere, ehrliche Antwort auf die Frage, ob wir nicht eigentlich schon viel zu viel haben.

Oder einfach genug, um glücklich(er) zu sein?

Bisher erschienen:
Lessons from Bali (1): Asiatische Hamster sind glücklicher!
Lessons from Bali (2): Life Balance – Leben ist immer privat 

Weiter geht’s mit:
Lessons from Bali (4): Ein Loblied auf die Ineffizienz
Lessons from Bali (5): Faulheit, der verlorene Sohn
Lessons from Bali (6): Im Chaos ist der Planlose König
Lessons from Bali (7): Was tun, wenn nichts mehr wächst?
Lessons from Bali (8): It’s not the economy, stupid!

Lessons from Bali (9): There’s a million waves to come
Lessons from Bali (10): Was bleibt vom Paradies?

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