Lessons from Bali (5): Faulheit, der verlorene Sohn

6. August 2012

Leben.

In Asien wie Europa wird gearbeitet, gelebt und geliebt – same but different. Ich habe auf Bali einen verlorenen Sohn beziehungsweise eine verschollene Tochter wiederentdeckt: die ebenso herrliche wie sinnentleerte Faulheit. Gähnen ist genial – für Klein und Groß!

Es klingt viel einfacher, als es ist. Das vielbeschworene Hängematten-Dasein wurde uns dermaßen gründlich ausgetrieben, dass man es – allerdings nicht ganz so hart wie beim Surfen – von Null weg lernen muss. Das ist eine Schande, schließlich wurden wir alle ziemlich faul und lasch geboren, lustigerweise lernen wir genau in dieser Zeit am meisten.

Warum mag das wohl so sein? Ich kann aus eigener Erfahrung behaupten, dass man mit Kurzzeit-Lernen spätestens in der Oberstufe die mit Abstand besten Resultate erzielt und ordentlich nach vorne kommen kann. Das setzt sich im Studium (nicht in allen Richtungen, aber in vielen) nahtlos fort und hört im Beruf – wenn man es so möchte – nicht auf.

Wozu führt das? Erstens entsteht auf diese Weise eine unfassbare Oberflächlichkeit. Gefährliches Halbwissen nennt man das wohl, nicht nur im HipHop. Statt sich auf einigen Gebieten top auszukennen, kann man überall ein bisschen mitreden oder ein bisschen etwas machen. Universaldilettanten (wie ich) sind ganz gut gefragt. Doch tut ads auch gut?

Einige Nebenwirkungen kann ich schnell erkennen: Die permanente Überforderung führt geistig zu ähnlichen Folgen wie das Vollstopfen mit Fast Food. Schnelle Glücksmomente und Erfolge, danach geht’s einem seltsam. In immer kürzerer Zeit wollen wir uns immer komplexere Themen aneignen, für die man früher jahr(zehnt)elange Erfahrung brauchte. Prokurist I bei Humboldt? Naja.

Ich kann mich jedenfalls noch außerordentlich gut erinnern, wie prägend meine langen, nicht enden wollenden Sommer – die Schulferien – waren. Über acht Wochen voll süßem, nervenzerfetzend unverplanten Stunden und Tagen… das kennen die Kinder von heute nachweislich nicht mehr. Nicht, dass sie weniger frei hätten – sie können nur nicht mehr damit umgehen, wollen permanent beschäftigt werden.

Das ist keine Kritik an den Kindern: Sie werden so optimal vorbereitet auf eine Gesellschaft, in der die Faulen kurz nach den Aussätzigen kommen. Schon seltsam, dass in einer dermaßen wieselnden Bevölkerung in einem der reichsten Staaten so vergleichsweise Wenige glücklich sind. Vielleicht ist VollBESCHÄFTIGUNG doch nicht sooo erfüllend und sinnstiftend wie man uns glauben machen will?

Positiv gesehen: Wenn ich Duracell-Hase den süßen Geschmack der Faulheit wieder erlernen konnte, gibt es vielleicht auch für andere Hoffnung. Und jetzt: Ab in die Hängematte!

Bisher erschienen:
Lessons from Bali (1): Asiatische Hamster sind glücklicher!
Lessons from Bali (2): Life Balance – Leben ist immer privat
Lessons from Bali (3): Wo genug nicht zu wenig ist
Lessons from Bali (4): Ein Loblied auf die Ineffizienz

Weiter geht’s mit:
Lessons from Bali (6): Im Chaos ist der Planlose König
Lessons from Bali (7): Was tun, wenn nichts mehr wächst?
Lessons from Bali (8): It’s not the economy, stupid!
Lessons from Bali (9): There’s a million waves to come
Lessons from Bali (10): Was bleibt vom Paradies?

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